Der Fanfarenzug der Hubertus-Schützen

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Der Fanfarenzug der Hubertus-Schützen

Um die Jahreswende 1952/1953 machten sich die Mitglieder des Hubertuszuges „Erftjunker“ daran Ideen in die Tat umzusetzen, um der kränkelnden Hubertus-Schützen-Gesellschaft neuen Schwung zu verleihen. Es wurden von einzelnen Mitgliedern für einige Jahre die aktive Mitgliedschaft innerhalb des Zuges aufgegeben um andere Projekte – wie der Aufbau eines neuen Fahnenzuges – voran zu treiben.

Eines der Projekte war die Gründung eines Fanfarenzuges durch das Mitglied Josef (Juppi) Decker. Der Druckereibesitzer war seit seiner Jugend begeisterter Musiker und Sänger. Ob er sich vom Fanfarenkorps Neuss-Furth inspirieren ließ, welches im Jahre 1952 gegründet wurde, können wir nicht sagen. Doch der Vorgang lag nicht nur in Neuss in der Luft.

Der Klang von Fanfaren und sog. Landsknechttrommeln hatte einen militärisch-schmissigen und teils martialischen Anklang. So waren Fanfarenzüge nicht nur bei der HJ sondern auch bei der FDJ beliebt und stets Teil von Propaganda und Präsentation. Auf jeden Fall konnten die Gründer eines Fanfarenzuges daher gut auf vorhandenes Instrumentenmaterial aufbauen, welches aus unseliger Zeit noch zur Verfügung stand.

Die Gründungsversammlung des Fanfarenzuges am 23. Januar 1953

Joseph Lange, der Neusser Stadthistoriker, schrieb über einen frühen Auftritt des Fanfarenzuges mit einiger Süffisanz. Es zeigten sich nämlich an den Landsknechttrommeln im hellen Sonnenschein verräterische Abzeichen ab. Zwar hatte man diese mit den sog. Flammenzungen übermalt, doch die Sonne brachte es ans Licht. Die Farbe war wohl doch nicht deckend genug.

Für den 23. Januar 1953 lud Josef Decker Vorstand und interessierte Schützenbegeisterte in das Restaurant „Zum Treppchen“ auf dem Marktplatz ein zur Gründungsversammlung eines neuen Fanfarenzuges. Die Idee fand großen Zuspruch und große Unterstützung durch den Vorstand und schon bald fanden sich vorzugsweise junge Männer, die sich für das Schützenwesen interessierten und auf die die Idee einer schmissigen Marschkapelleanzugehören verführerisch wirkte. Nicht umsonst heißt es in einer Strophe des FanfarenLiedes:

„Am Hut die schmucke Feder, im Wappen unser Hirsch,
so kennet uns ein jeder, so geh’n wir auf die Pirsch.
Vom Dom in unserem Städtchen grüßt lächelnd St. Quirin,
es lachen alle Mädchen wenn wir vorüberziehen.“

Anscheinend hatten viele nicht dabei bedacht, dass die Mitgliedschaft in einem Klangkörper vor dem Vergnügen harte Probenarbeit erfordert, so gab es auf ersten freudigen Zulauf bereits nach drei Monaten die ersten Austritte. Und das wird sich über die Jahre so hinziehen.

Ein altes Mitglied sprach gegenüber dem Archiv gar von einem „Durchlauferhitzer“. Es ging zu wie im Taubenschlag. Daher konnte auch nicht mit hoher Sicherheit jeder Name festgehalten werden. Das Archiv der Hubertusschützen zählt 93 ehemalige Mitglieder des Fanfarenzuges, bei einer vermuteten Dunkelziffer von zehn bis fünfzehn Prozent.

Als der Fanfarenzug im Jahre 1954 „aus dem Gröbsten“ raus war, zog sich Juppi Decker zurück und überließ Hans Schlemmer die Führung des Zuges. Dieser war weit über die Grenzen von Neuss als Leiter des Neusser Harmonika-Orchester bekannt. Harmonika-Orchester waren damals weltweit sehr in Mode.

Ludwig Bongartz und Helmut Düren um 1958
Fackelzug 1958

Im Oktober 1955 hatte der Fanfarenzug seinen Höhepunkt erreicht als er in Bonn vor dem Bundespräsidenten auftrat. Ab Oktober 1958 übernahm der Hauptfeldwebel des Zuges Ludwig Bongartz (†2016) die Führung des Fanfarenzuges als Oberleutnant. Zur musikalischen Schulung und Unterstützung konnte der Kapellmeister Herbert Köller (†2014) gewonnen werden. Dieser war den Hubertus-Schützen als Mitglied verbunden und marschierte mit seiner renommierten „St. Hubertus Schützen-Kapelle Neuss“ etliche Jahre unserem Korps voran.

Rudi Illgner – Mitglied und Förderer des Fanfarenzuges, Impresario und Manager

Bereits in den 50er-Jahren fanden die Proben des Fanfarenzuges im legendären „Bunten Ochsen“ auf der Niederstraße statt. Dessen Gastwirt Rudi Illgner fand großen Gefallen am Fanfarenzug und wurde ein eifriger Förderer des Zuges. Als passives Mitglied der Gesellschaft wurde er auch ab 1964 für einige Jahre als Schriftführer in den Vorstand unseres Korps gewählt und kümmerte sich besonders um die Geschichte unserer Gesellschaft vor der Wiederbelebung 1952/1953.

In seiner Eigenschaft als Schriftführer der Gesellschaft, Mitglied und Förderer des Fanfarenzuges, Impresario und Manager, väterlicher Freund etc. kümmerte sich Rudi Illgner rührend um die Belange des Fanfarenzuges. Sein umfangreicher Schriftverkehr kam mit dem Nachlass Ludwig Bongartz zum Archiv.

Rudi Illgner kämpfte vor allen Dingen mit der Bundeswehr. Denn die Wehrpflicht schlug ungefähr ab 1959 bemerkenswerte Löcher in die Reihen des Fanfarenzuges. Die ersten Jahrgänge des Fanfarenzuges waren davon verschont, es waren „weiße Jahrgänge“. Die allgemeine Wehrpflicht galt erst ab dem Jahrgang 1937. So ab 1959 griff die Bundeswehr in weitaus höherem Anteil in die in Frage kommenden Jahrgänge ein als bei denen der späteren Jahrzehnte. Denn es waren nun die während des Krieges und danach geborenen, dünneren Jahrgänge. Es liegen allein für 1964 sieben Anträge auf Freistellung vor, die Rudi Illgner an Kompaniechefs stellte. Das war für dieses Jahr im Grunde genommen die halbe Truppe.

Rudi Illgner im Bunten Ochsen
Fanfarenzug im Jubiläumsjahr 1962

Letztendlich hat die Wehrpflicht dem Fanfarenzug das Ende gebracht. Zumal auch die Bereitschaft die viele Freizeit zu opfern sehr nachgelassen hatte. Freundinnen, Bräute und erst recht junge Ehefrauen wollten oft nicht einsehen, dass sie die wenige Freizeit ihres Freundes und Bräutigams (6-Tage-Woche, 48 Stunden) mit dem Fanfarenzug teilen sollten. Ein altes Fanfarenzug Mitglied nannte mal eine Zahl. Es waren beinahe 180 Termine im Jahr, Proben und Auftritte zusammengezählt. Man trat auf beinahe jedem Schützenfest des Kreises auf, man reiste bis nach Kevelaer oder trat sogar in Kostümen im Düsseldorfer Karneval auf.

Die Auflösung des Fanfarenzuges 1966

Irgendwann so gegen 1965/1966 war man des ewigen Kampfes um Teilnehmer müde und im Jahre 1966 wurde der Fanfarenzug aufgelöst. Einige wenige Mitglieder wechselten in das Reuschenberger Fanfarenkorps, das für das Hubertus-Korps danach bei Schützenfesten auftrat und quasi als „Rechtsnachfolger“ des Fanfarenzuges gilt. Die Mitgliedschaft dort wird auf die Mitgliedschaft innerhalb der Gesellschaft angerechnet.

Weiter oben hatten wir die Zahl von 93 ehemaligen Mitgliedern des Fanfarenzuges genannt. Von diesen verblieb die stattliche Anzahl von 34 Schützen bei Hubertus. Davon nahmen sogar 13 ehemalige Fanfarenzügler an Zugneugründungen teil („Kreuzritter“ und der erste Zug „Doppeladler“).

Heute noch aktive Mitglieder des Fanfarenzugs sind Dieter Frieß, Karl-Heinz Moors, Hans Kirstein, Manfred Kolbe sowie Uwe Gauls. Dieser trat als achtjähriger Nachwuchsschüler in den Fanfarenzug ein und wechselte dann zu den Reuschenbergern. Das mag den Altersunterschied zu den „Kollegen“ erklären.

Weitere Mitglieder des Fanfarenzuges, die sich in anderen Korps einen Namen machten, waren Helmut Düren als Schießmeister der Schützenlust und Paul Gerd Klosterberg (†2021) als Hauptmann der Schützengilde. Für alle Namen gilt, sollten wir einen vergessen und übersehen haben, bitten um Entschuldigung und freuen uns auf Korrekturen.

Der „Fröhliche Weckruf“

Das nächste Kapitel des Fanfarenzuges stellt die Mitglieder der Hörnerblastruppe des „Fröhlichen Weckrufs“ zum Patronatstag in den Mittelpunkt. Bereits gegen Ende der 50er-Jahre hatte sich der Brauch herausgebildet zum Patronatstag der Hubertus-Schützen Mitglieder des Vorstandes, den Hubertuskönig sowie geladene, hochrangige Gäste aus dem Regiment durch ein morgendliches Ständchen, geblasen von fünf bis sechs Jagdhörnern, aus den Betten zu locken.

Diese schöne Tradition hält sich bis zum heutigen Tag. Nach Auflösung des Fanfarenzuges hatte Ludwig Bongartz dem ehem. Major Bruno Kistler in die Hand versprochen auch nach Ende des Fanfarenzuges diese Tradition aufrecht zu erhalten.

Ludwig Bongartz scharte die Mitglieder Dieter Heinen (†1999), Karl-Heinz Moors, HansDieter Frieß, Karl Scharf (†2006), Rolf Kretzer und Manfred Heinen (†2020) als Fahrer um sich und so zogen sie dann jeden Patronatstag in der Frühe aus, um ihre „Zielobjekte“ auf der Liste abzuarbeiten.

Fanfarenzug Wecken Hubertuskönig Drews 1985
1985 Wecken bei Hubertuskönig Drews
Patronatstag 2008 Berger, Friess, Moors
2008 Patronatstag Berger, Frieß, Moors

Ab 1999 kam mit dem Mitglied der Luschhönches Ralf Berger erster jüngerer Nachwuchs hinzu. Ralf Berger wird nach 2008 auch die Leitung der Gruppe übernehmen. In der Zwischenzeit sind mit Marco Scharf, Dirk Hollmann, Thomas von Werden, Dirk Hollmann und Thorsten Klein weitere Nachwuchskräfte hinzugekommen. Als jüngstes Mitglied Lukas Thomanek, einer der musikalischen Leiter des Further Fanfarenkorps.

Der Auftrag – 15-20 „prominente“ Schützenfreunde wecken

Diese alle nun haben den Auftrag eine Liste von gut 15 bis 20 „prominenter“ Schützenfreunde in aller Frühe des Patronatstags mit einem Ständchen zu erwecken und zu erfreuen. Diese Liste umfasst u.a. den Hubertuskönig, den Schützenkönig, Oberst, Oberstadjutant, Präsident, Major, Majorsadjutant, die Vorstandsmitglieder und Ehrenmitglieder der Gesellschaft sowie den Präses der Gesellschaft. Die Liste ergeht durch den Vorstand an den Leiter der Bläsergruppe, Ralf Berger.

Dieser erarbeitet nun einen möglichst rationellen Routenplan, auf dem alle Adressaten (fast hätte ich Opfer geschrieben) mit geringstem Aufwand angefahren werden. Wie es bereits Wilhelm Busch so schön schrieb „Musik ist mit Geräusch verbunden und wird als störend oft empfunden“ muss dieses frühmorgendliche Konzert gemäß Landes-Immissionsschutzgesetz beim Ordnungsamt angemeldet werden.

Wecken bei Ehrenmitglied Horst Fellinger

Als Teil einer Traditionspflege ist das Wecken als Ausnahme des Gesetzes nicht genehmigungspflichtig, sollte jedoch offiziell angemeldet sein. Vor einigen Jahren wurde ein solches Wecken im Grevenbroicher Stadtteil Orken recht unwirsch von der Polizei abgebrochen. Da half kein Lamentieren, ortsfremde Polizeikräfte haben manchmal wenig Ahnung von rheinischen Schützenbräuchen. Daher ist es allemal besser immer ein Papierchen vom Amt vorweisen zu können.

In einem launigen und höchst lesenswerten Bericht für die Hubertuszeitung beschrieb Robert Waldmann im Jahre 2013 sehr anschaulich als Augenzeuge diese Tour. In manchen Häusern regt sich kaum eine Gardine und manch einer winkt höchstens verschlafen seinen Dank. Andere Frühaufsteher und Freunde des Weckrufs verstehen sich jedoch ausgezeichnet darauf, die Bläsertruppe mit fester und oftmals mehr flüssiger Nahrung zu traktieren. Man wird schon vom Lesen des Artikels allein beschwipst.

Viktor Steinfeldt